Verschnaufpause für alle Erdbewohner

…oder jede Not birgt eine Chance.

Eben noch dem Leben hinterher gehetzt - unausgeschlafen frühmorgens aus dem kuscheligen Bett gekrochen, wie ferngesteuert den Yoga-Ganzkörperflow von Maddy Morrison auf Youtube absolviert, Anti-Faltencreme, Wimperntusche mit false lash effect und Rouge (tierversuchsfrei) aufgetragen, mich ins viel zu enge Dirndl geworfen, ein Porridge gekocht, herrlich duftenden Arabica-Kaffee aus Äthiopien geschlürft, mit meinem uralt Volvo V70 in den Betrieb gefahren. Tagtäglich dasselbe Ritual, mit dem abstrusen Gefühl, dem Leben hinterher zu hecheln und ständig zu spät zu kommen. Oft kam mir der Gedanke, welch Luxus es doch wäre, die Zeit mal für einen Moment anzuhalten. Auf Pause zu drücken. Mit einem Moment hatte ich eher an ein paar Stunden gedacht, nicht an ein ganzes Jahr oder gar länger.

Self fulfilling prophecy - meine selbsterfüllende Prophezeiung hat sich wohl bewahrheitet - seit gut einem Jahr hat die ganze Welt eine Vollbremsung hingelegt und sich zu einem großen Teil in die eigenen vier Wänden zurückgezogen. Umwelttechnisch ein Segen, wirtschaftlich betrachtet ein Desaster, persönlich gesehen ein Schock. Meine Familie hatte seit 1994 nonstop geöffnet. Kein Ruhetag. 365 Tage im Jahr waren die Türen für unsere Gäste von 10:00 vormittags bis 00:00 nachts und länger geöffnet. Zu Beginn sind wir in eine Schockstarre verfallen - wie Rehe, wenn sie nachts von den Scheinwerfern der Autos erfasst werden.

Wir sind bis heute dennoch täglich in den Betrieb gegangen, haben weitergekocht, unseren Gästen zumindest Take Away und Lieferservice angeboten. Eher als Zeitvertreib und Service als für Geld. Anfangs hatten wir ohnehin damit zu kämpfen, das prall gefüllte Lager zu verwerten, um Lebenmittel-Abfall zu reduzieren und den Schaden dahingehend so gering als möglich zu halten.

Oft erhasche ich mich, wie ich darüber grüble, dass die Pandemie wohl der Lehrmeister des 21. Jahrhunderts ist. Die Natur hat den Spieß umgedreht und uns Menschen in “Käfige” gesperrt - vielleicht weil wir es nicht anders verstehen wollten. In demokratischen Systemen, wie den Unseren, in denen Menschenrechte groß geschrieben werden, ein echter Systembruch. Meine Generation wurde äußerst selten restriktiv behandelt - ganz im Gegenteil fühlen wir uns oftmals von den unbegrenzten Möglichkeiten und Freiheiten überfordert.

Küsse, Umarmungen und körperliche Nähe gelten als risikoreiches Verhalten. Distanz als Akt der Liebe und Wertschätzung. Verhüllung von Mund und Nase wird Teil unseres Alltags.

Der Boomerang von Mutter Erde hat auch unser Gasthaus auf eine harte Probe gestellt. Tut er noch. Wird er noch lange tun. Wir mussten schnellstmöglich handeln, damit unser Lebensmittellager nicht auf dem Komposthaufen landet. Viele Nahrungsmittel konnten eingefroren werden. Ein Teil der Frischware wie Gemüse und Obst wurde durch das kreative Schaffen unserer Küchenfeen zu Fonds, Strudel, Soufflés, Knödel, Röster, Letscho, Marmeladen und Saucen verarbeitet.

Jede Not birgt eine Chance. So fanden zwei sehr alte Verarbeitungsmethoden wieder Einzug in unsere Küche: das Fermentieren und das Konservieren. Für meine Großeltern waren diese beiden “Frischhaltemethoden” das natürlichste der Welt, um ausreichend Essbares für den bevorstehenden Winter zu haben und die einzige Möglichkeit, die reiche Ernte des Sommers zu verwerten. Fermentieren ist durch die probiotischen Mikroorganismen nicht nur ein Segen für unseren Darm, sondern auch die ideale Methode, um Lebensmittelabfälle zu reduzieren, Saisonales länger verfügbar zu machen und bares Geld zu sparen. Konservieren ermöglicht uns, in höchster Qualität, bewusst, überlegt und liebevoll zu kochen, um unseren Gästen gesünderes Wirtshausessen im Glas für Zuhause verfügbar zu machen. Der Großteil der Vitamine und Nährstoffe bleibt bei diesem schonenden Verfahren über Monate erhalten. Somit können wir unsere Wirthaus-Kultur und unser ayurvedisches Wissen nun auch an Menschen weitergeben, die sonst nicht die Möglichkeit hatten, uns vor Ort zu besuchen. Ältere Menschen, Menschen mit Behinderung, Menschen die fernab vom Schuss oder in einer anderen Stadt wohnen, gestresste Business-Mamis- und Papis, Menschen, die einfach nicht gerne kochen oder sich mit dem Hintergrundwissen beschäftigen wollen, danken es uns.

Eine Tür schließt sich, eine andere Tür öffnet sich und eröffnet uns zumindest mehr Weitblick.